Stellung der Akupunktur im Gesamtbild der Chinesischen Medizin
Noch heute hält sich oft hartnäckig das Klischee, Akupunktur wäre DIE „chinesische Medizin“ schlechthin. Bereits Anfang der 70iger Jahre eroberte sie das westliche Europa und trat ihren Siegeszug um die Welt an. Genährt wird dieses Vorurteil durch Ärzte und Therapeuten, die nur diese manuelle Therapieform gelernt oder Ansätze daraus studiert haben. Gerade durch solche Therapeuten wird aber häufig das System der komplexen Chinesischen Medizin gar nicht verstanden. Sie sehen erste kleine Erfolge und schon entsteht leider der Irrglaube durch Akupunktur bereits alles mögliche behandeln oder gar „heilen“ zu können.
Tatsache aber ist, daß SÄMTLICHE manuelle Therapien, zu denen neben der Akupunktur auch Schröpfung, Akupressur, Moxibustion / Wärmebehandlung, Gua Sha / Schabung, Einreibe-Lotionen, Blutegel-Therapie, Tui Na /Medizinische Heilmassage gehören, gerade einmal DREI Prozent Stellenwert in der Wichtigkeits-Skala des Gesamt-Repertoire der Chinesischen Medizin ausmacht.
Akupunktur kann und sollte NIEMALS die sehr viel wichtigere Kräuter- und Ernährungstherapie ersetzen oder verdrängen und darf niemals als „preisgünstige“ Alternative gesehen werden, sondern immer als das, was sie ist: eine sehr hilfreiche und unterstützende ZUSÄTZLICHE Hilfsmöglichkeit, wodurch Schmerzen und Symptome durchaus beachtenswert gelindert werden können.
Die Akupunktur (Zhen Bian – 針砭) hat auch eine deutlich jüngere geschichtliche Tradition als vergleichsweise die Kräuter- und Ernährungstherapie. Während letztere tatsächlich bereits von Huang Di – 黃帝 (derzeit geschichtlich datiert auf 2.698-2.598 v.Chr.), dem ersten Herrscher und direktem Ahnherr Chinas, im ältesten Buch der Chinesischen Medizin verfasst wurden, dem „Huang Di Nei Jing -黃帝內經“ – Die Medizin des Gelben Kaisers (bzw. „Die Klassiker des Gelben Kaisers“), das bis heute eine der wichtigsten Grundlagen der ärztlichen Ausbildung in China darstellt, sind die Anwendungen der klassische Akupunktur nur ca. 2.300 Jahre alt. Sie wurden erst ca. 2.400 Jahre nach Huang Di’s Regentschaft diesem dann zugeschrieben. Dieser Umstand sorgt noch heute für die teils hartnäckige Sichtweise einiger westlicher Sinologen, daß das gesamte Werk von Huang Di nur ca. 2.000 Jahre alt wäre.
Die älteste heute noch überlieferte schriftliche Erwähnung der Akupunktur und Moxibustion (Zhen Jiu – 針灸) stammt aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus. Der chinesische Historiker Sima Qian – 司馬遷 (um 145 v.Chr.-um 90 v.Chr.) erwähnt in seinen Aufzeichnungen erstmals Steinnadeln.
Das älteste vollständige heute noch erhaltene Werk über die Akupunktur ist der „Zhen Jiu Jia Yi Jing – 针灸甲乙经“ (Der Systematische Aku-Moxi-Klassiker) von Huang Fu Mi – 皇甫谧 (215–282). Darin werden neben einer klaren Terminologie, auch eine ausführliche Topologie von 349 Akupunkturpunkten und ihre entsprechende Wirkung aufgeführt. Weitere berühmte historische Werke sind die Erläuterungen der 14 Hauptleitbahnen von Hua Bo Ren – 滑伯仁 (von 1341), die Untersuchungen über die acht unpaarigen Leitbahnen von Li Shi Zhen – 李时珍 (1518–1593), sowie die Summe der Aku-Moxi-Therapie von Yang Ji Zhon – 杨继洲 (von 1601).
Die Akupunktur ist somit noch immer der im Westen am längsten bekannte Teil der Chinesischen Medizin. Selbstverständlich ist auch das Angebot eines Akupunkteurs eine sinnvolle therapeutische Hilfe. Aber es sollte immer auf die sehr viel wichtigeren Therapien hingewiesen und der Patient sachgerecht aufgeklärt werden, um innerhalb aller Organbereiche das Gleichgewicht der Kräfte wieder hergestellt zu bekommen, wodurch die Ursachen tatsächlich beseitigt werden können und somit erst realistisch eine wirkliche nachhaltige Gesundung eintritt.
Die Chinesische Medizin geht von Lebensenergien des Körpers aus (Qi), die durch definierte Längsbahnen, den Meridianen, zirkulieren und einen steuernden Einfluß auf alle Körperfunktionen haben. Ein gestörter Energiefluß führt zu Erkrankungen und kann durch gezielte Beeinflußung, wie Druck oder leichter Stiche in die auf den Meridianen liegenden Akupunkturpunkte, ausgeglichen werden.
Durch das Setzen sehr feiner Nadeln an anatomisch genau definierten Punkten werden somit die „Energieströme“ (das Qi) in den Leitbahnen (Meridiane) durch den Therapeuten gezielt beeinflußt bzw. manipuliert. Es werden pathogene Faktoren ausgeleitet, die Konstitution wird gestärkt und die Energieflüsse können so harmonisiert und stabilisiert werden.
In China nennt man die Akupunktur-Punkte auch „Einfluß-Löcher“ (Shu Xue – 腧穴). Diese Punkte sind ähnlich wie Löcher, die meistens in Form von anatomischen Dellen oder Lücken zu ertasten sind. Die Chinesische Medizin kennt über 400 klassische Akupunkturpunkte, die auf den symmetrisch angelegten zwölf Hauptleitbahnen liegen, die jeweils spiegelbildlich auf beiden Körperseiten paarig angelegt sind und jeweils einem Organbereich zugeordnet sind. Desweiteren sind acht Extrameridiane und eine Reihe von Extrapunkten bekannt.
Durchführung einer Akupunktur-Behandlung
Eine übliche Akupunktursitzung dauert in der Regel etwa 20 bis 30 Minuten. Dabei liegt der Patient ruhig und entspannt. Vor dem Einstich einer Nadel wird die Stelle und die unmittelbare Umgebung leicht massiert. Während einer Sitzung werden so wenige Punkte wie möglich gestochen. Üblich sind bis zu 16 Nadeln, über die durch sanfte Drehbewegungen der entsprechende Punkt stimuliert wird. Bei Qi- oder Yang-Mangel, also zu großer kalter Energie im Körper, wird Akupunktur mit Moxibustion (Wärmebehandlung) verbunden. Hier spießt der modern orientierte Therapeut kleine Scheiben von Ai Ye – 艾葉 (eine chinesische Beifußkraut-Art), das zu Zigarren gepreßt und geformt wurde, auf die Nadel-Enden und zündet diese an. Die Wärme wird dann durch die Nadel in den betreffenden Punkt geleitet und verstärkt so die Yang-Wirkung. Alternativ wird traditionell eine separate direkte Moxabehandlung mit einer Akupunkturbehandlung kombiniert.
Angst vor Schmerzen oder den haardünnen biegsamen Nadeln ist völlig unbegründet. In China wird klassische Akupunktur nicht nur bei Kleinkindern, sondern auch bereits bei Säuglingen durchgeführt. Das wird hingegen hier im Westen strikt abgelehnt. So ist in China die Akupunktur zeitlebens eine selbstverständliche Zugehörigkeit zum chinesischen Alltag, zur chinesischen Kultur und Tradition.
Nur sehr überempfindliche Menschen merken ein leichtes Ziehen durch die Stimulation bzw. ein Kribbeln ähnlich einer Niedervoltspannung.
Nach dem Einwirkenlassen der Nadeln wird sowohl zu Desinfektionszwecken, viel wichtiger aber zur therapeutischen Verstärkung und Nachhaltigkeit, das betroffene Areal mit dem „Gong Ting Yu Yong Yi Liao Zhen Jiu You – 宫廷御用医疗针灸油“ (Chinesisches „Kaiserliches Akupunktur-Öl“ von Jin Feng) eingerieben, während die Nadeln entfernt werden.
Bereits hier läßt sich oft schon erkennen, welcher Therapeut noch die besseren authentischen Verfahren anwendet, denn in der „modernen“ TCM wurde auch der Gebrauch dieses äußerst wichtigen Einreibeöles neben vielen andere Verfahren leider weg-rationalisiert. Unter verschiedenen in China verbreiteten Marken bzw. Herstellern, die neben Akupunkturbehandlungen auch bei Kopfschmerzen, Erkältungen oder Insektenstichen eingesetzt werden, ist das Öl von JIN FENG qualitativ und therapeutisch aus unserer Sicht die mit Abstand beste Qualität mit dem höchstmöglichem Wirkpotenzial.
Besonders auch aus Gold hergestellten Nadeln wird seit alters her die beste therapeutische Effektivität zugeschrieben.
Einsatzgebiete der Akupunktur
Klinische Studien zeigten immer wieder auch im Westen eine deutliche Wirksamkeit der Akupunktur beispielsweise bei durch Kniegelenksarthrose bedingten Schmerzen, bei chronischen tiefen Rückenschmerzen oder auch bei der Prophylaxe von Migräneattacken. Bei diesen genannten Beschwerden gesteht selbst die westliche Schulmedizin ein, daß die Wirksamkeit von Akupunktur deutlich höher ist, als die einer schulmedizinischen Behandlung. Auch in den „GERAC-Studien“ (German Acupuncture Trials, 2002 – 2007) beispielsweise, den bisher umfangreichsten klinischen Untersuchungen, traten bei der Behandlung von tiefen Rückenschmerzen bei 47,6 % der Akupunktur-Patienten, 44,2 % der Scheinakupunktur-Patienten und nur 27,4 % der Schulmedizin-Patienten eine deutlich erkennbare Verbesserung ein.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichte 2003 eine Indikationsliste für Akupunktur:
Außer den von der WHO aufgeführten Erkrankungen können noch viele weitere Krankheiten positiv beeinflußt oder geheilt werden. Darunter auch viele, die in der Schulmedizin nur als sogenannte Befindlichkeitsstörungen abgetan werden.
Weitere Indikationsbeispiele:
Atemwege:
Augenerkrankungen:
Herz-Kreislauf-Erkankungen:
Magen-Darm-Erkankungen:
Gynäkologische Erkrankungen:
Urologische Erkrankungen:
Orthopädische Erkankungen:
Hauterkrankungen:
Mögliche Nebenwirkungen der Akupunktur:
Im Allgemeinen treten bei sachgemäßer Handhabung der Akupunktur fast kaum Nebenwirkungen auf.
Komplikationen oder Behandlungsfehler entstehen zumeist aufgrund von fehlendem Wissen und bei unsachgemäßer Nadelung.
Mögliche Nebenwirkungen könnten sein:
Haltung der Krankenkassen:
Seit dem 1. Januar 2007 sollen alle deutschen gesetzlichen Krankenkassen gemäß einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses in Deutschland Akupunktur bei chronischen Schmerzen in der Lendenwirbelsäule oder in den Knien (bei Kniegelenksarthrose) im Rahmen einer Schmerztherapie erstatten. (GBA-Beschluss)
Die Behandlung von Kopfschmerzen durch Akupunktur wurde nicht in den Leistungskatalog aufgenommen, da angeblich kein Vorteil gegenüber der Standardtherapie festgestellt worden war. (Pressemitteilung des Gemeinsamen Bundesausschusses: [http://www.g-ba.de/cms/upload/pdf/abs5/beschluesse/2006-04-18_Akupunktur-Beschluss_WZ.pdf Akupunktur zur Behandlung von Rücken- und Knieschmerzen wird Kassenleistung] (Link nicht abrufbar), 18. April 2006)
Alle anderen Akupunkturbehandlungen sind ebenfalls nicht Leistung der gesetzlichen Krankenkasse und müssen deshalb in der Regel selbst bezahlt werden.
Viele deutsche private Krankenversicherungen, Beihilfen und die Postbeamtenkrankenkasse geben vor Akupunktur zur Behandlung von Schmerzen im Rahmen der Gebührenordnung für Ärzte, nach Einzelfallentscheidung meist auch für weitere Diagnosen zu bezahlen. Vertragsabhängig sollen auch Heilpraktikerleistungen ersetzt werden.
Die Realität zeigt leider jüngst vermehrt, daß Krankenkassen häufig für höhere Beiträge oder Zusatzversicherungen mit Lockangeboten werben und suggerieren nicht nur Akupunktur und Heilpraktikerkosten zu erstatten, jedoch selbst bei eindeutigen rechtsgültigen Verträgen werden Leistungen unter Angabe dubiosester Einwände fast ausnahmslos gestrichen oder drastisch gekürzt.